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Von Selbstaufgabe zur Selbstverwirklichung

Laufen ist doof

28. April 2010: RehaScout-Redakteurin Rowena Grell im Gespräch mit Heiko Paukert

Der gelernte Krankenpfleger Heiko Paukert (36) aus Berlin ist seit seinem Badeunfall 1995 ab C6 querschnittgelähmt. Dass er den Pflegedienst nur noch einmal am Tag braucht, verdankt er zwei erfolgreich verlaufenden Operationen. Dass er den Sinn seines Lebens wieder gefunden hat, liegt am Übertritt zum Islam. Und dass Laufen doof ist, ist für ihn vollkommen klar.

Heiko, ein cooler Typ im Rollstuhl, beobachtet vom Spielfeldrand seine Kameraden beim Rugby-Training. Er kann heute nicht mitmachen, weil er Beschwerden in der Schulter hat. Temporärer Ausfall. Er erzählt: "Aber dass ich überhaupt wieder so beweglich bin, verdanke ich zwei Operationen, auf die sich ein Ärzteteam am Unfallkrankenhaus Berlin spezialisiert hat. Ohne die wäre ich immer noch ein kompletter Pflegefall."

Durch Operation zu Selbständigkeit

Bei der ersten Operation wurde der Schultermuskel des rechten Arms so umgebaut, dass Heiko den Ellenbogen wieder strecken und sich aufstützen kann. Seither steigt er selbständig in den Rollstuhl und kommt auch allein wieder heraus. "Das war ein großes Stück Freiheit, was ich da bekommen habe", sagt er. "Aber die zweite OP hat mir dann noch so richtig Lebensqualität gebracht." Hier wurden Handfunktionen wiederhergestellt, die das Greifen ermöglichen. Heiko freut sich: "Ich kann mich heute wieder allein an- und ausziehen. Und der Pflegedienst braucht nur noch morgens vorbeizukommen, statt wie früher viermal am Tag."

Außerdem kann Heiko ein Telefon und die Tastatur des Computers bedienen, wie er das in seinem ehrenamtlichen Job braucht. Hier berät er Kunden am Telefon über spezielle Rollstuhl-Bekleidung, nimmt Bestellungen und Reklamationen entgegen. So fährt er dreimal die Woche von Hellersdorf nach Spandau - quer durch Berlin mit U- und S-Bahn. Vor mir sitzt also ein junger Mann, selbständig und gut drauf, der seit seinem Unfall 1995 querschnittgelähmt ist. Er war beim Baden an einem Berliner See umgeknickt. "So schnell kann’s gehen", sagt er. "Und ich hab lange gebraucht, bis ich damit zurecht gekommen bin."

Vom Atheisten zum Moslem

Heiko hatte sich aufgegeben. Stur lehnte er alles ab, was ihm hätte gut tun können. Mit Alkohol und Selbstmord versuchte er, seiner Realität zu entfliehen. Ein weiterer Selbstmordversuch brachte den Wendepunkt. Der Rettungsarzt war Moslem. "Ich interessierte mich durch Freunde schon lange für den Islam", gibt Heiko preis. "Und von Mohammed fühlte ich mich aufrichtig betreut und angenommen." Seither lebt Heiko den Islam, betet morgens und abends. Er hat eine Gemeinschaft gefunden, in der er geistig Gleichgesinnte trifft und sich dadurch freier und unbeschwerter fühlt. Sein Leben bekam wieder einen Sinn. Auch fand er nun den Mut und die Kraft, sich auf die Operationen einzulassen.

Sport ist nicht das Schlechteste

Spaß und Freude bringt Heiko das Rollstuhl-Rugby bei den Berlin Raptors. "Hier kannste dich mal abreagieren und Leistung zeigen", erzählt er. "Du hast Erfolgserlebnisse und eine Gemeinschaft. Und Sport treiben ist ja jetzt auch nicht das Schlechteste." Trainiert wird zweimal die Woche in der Reha-Sporthalle des Unfallkrankenhauses Berlin (UKB). "Meine Kondition hat sich dadurch verbessert und auch meine Geschicklichkeit." Flink demonstriert er, wie man mit dem Rollstuhlrad einen Ball "aufhebt": Ball ans Rad drücken, Rad kurz andrehen, zack liegt der Ball auf dem Schoß. Oder so ähnlich.

Mit dem UKB ist Heiko stark verwurzelt. Dankbar ist er für die Operationen und gern gibt er anderen Betroffenen seine Erfahrungen weiter, jeweils am ersten Montag im Monat in der Reha-Klinik. "Ich bin voll von dem Sinn der Operationen überzeugt", betont er. "Mein Leben hat sich jedenfalls total verbessert. Den Betroffenen sage ich: Es gibt viele Möglichkeiten. Und jeder kann seine Einschränkung verbessern - wenn er nur will."

Laufen ist doof

Eins möchte ich noch wissen: "Warum ist Laufen doof?" Heiko grinst. "Das ist durch eine Blödelei auf dem Flur im Krankenhaus entstanden. Wir saßen zu Dritt gemütlich in unseren Rollstühlen, und eine Schwester kämpfte sich mit ihrem Pillentablett an uns bei. Einer sagt: 'Laufen ist doof, wa!' Und ich füge spontan hinzu: 'de'. So entstand die Idee für eine spaßige Homepage für Rollifahrer." Diese hat Heiko mit den zwei Kumpels dann auch ins Leben gerufen. "Man darf nicht alles so ernst nehmen und sich selbst am allerwenigsten", sagt er und grient – wissend, erfahren, abgeklärt.

 

Operation für Querschnittgelähmte

Am Unfallkrankenhaus Berlin verhilft ein Ärzteteam Querschnittgelähmten zu mehr Bewegungsfreiheit. Durch komplizierte Operationen an Oberarm und Hand werden neue Stütz- und Greifbewegungen möglich.

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Homepage Heiko Paukert

 

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Rollstuhl-Rugby

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