Thomas Kahlau - Mundmaler

Das Beste aus dem Leben machen

Am 19. Juli 2010 besuchte RehaScout-Redakteurin Rowena Grell den querschnittgelähmten Mundmaler Thomas Kahlau in Caputh bei Potsdam / Fotos Rowena Grell

Thomas Kahlau ist seit seinem 16. Lebensjahr vom Hals abwärts gelähmt. "Ich habe etwa zehn Jahre gebraucht, bis ich damit klar kam", erzählt der heute 49-Jährige. "Ich hatte viel Sport getrieben, war immer in Bewegung. Und diese Unbeweglichkeit zu akzeptieren, war hart und hat lange gedauert. Es war mühsam, Handgriffe nun mit dem Mund erlernen zu müssen." Aber er lernte. Zunächst absolvierte er eine Ausbildung zum Übersetzer für technische Texte aus dem Japanischen, die er auf einer Schreibmaschine tippte. "Nicht der Assistent?", frage ich, weil ich handgesteuert denke.

 

Nein, Thomas Kahlau will sein Leben so selbständig wie möglich bestreiten. Er erklärt: "Als Hilfsmittel verwende ich ein Mundstück, mit dem ich das entsprechende Werkzeug bedienen kann. Und so tippte ich nach und nach Buchstabe für Buchstabe. Und für die Großbuchstaben", fällt ihm ein, "hatte mein Vater mir ein kleines Gewicht ausgetüftelt, das ich auf die Feststelltaste setzte." Ich puste heftig aus. "Ja, das war harte Mundarbeit", kommentiert Thomas Kahlau lächelnd. "Aber alles klein zu schreiben, ist gegen meine Ehre. Heute hier am Laptop", und er beweist es mir sogleich, "ist es viel leichter." 

Plötzlich setzt sich sein Rollstuhl in Bewegung. Doch weder Betreuer Marco, noch ich, noch der Maler haben Hand angelegt. Am Kopfteil des Rollstuhls ist eine Art Joystick angebracht, und mit dem Kinn steuert Thomas Kahlau das Gefährt. Ich folge an die Staffelei. "Dann fing ich an zu malen", erzählt er.

 

"Zunächst nur so für mich, kleine Zeichnungen. Später nahm ich Zeichenunterricht." Ich schaue mich um. All das hier um mich herum, all diese fantastischen Bilder sollten nicht von Hand gemacht sein? Und schon demonstriert mir der Künstler, wie Malen mit dem Mund geht. Und es geht - wie selbstverständlich, Strich für Strich, Farbtupfer für Farbtupfer.

Ein Bild an der Wand betrachte ich mir genauer. "Ich mag Kühe", sagt Thomas Kahlau, "sie haben so was Liebes." Eigentlich hatte ich mir noch nie Kühe wirklich angeschaut. Aber diese hier, ich kam gar nicht los von denen. Fast fühlte ich die Weichheit ihrer Nüstern, ihre Haut flauschig wie Fell, die Wimpern gleich Babyflaum. "Wie können Sie mit dem Mundstab so filigran zeichnen? Und anstrengend muss das sein", staune ich. "Das ist Übungssache. Aber zweimal die Woche Nackenmassage brauche ich schon", gibt der Maler zu.

 

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Schließlich sitzen wir gemütlich auf der Dachterrasse, von oben brennt die Sonne aus blauem Himmel, unten flirren die Stimmen der Eltern im Erdgeschoss. "Ohne meine Eltern hätte ich all das nicht geschafft", errät er meine Gedanken. "Und ich bin auch auf Pfleger angewiesen. Marco ist seit sieben Jahren fast täglich hier. Und das geht beinahe wortlos zwischen uns."

Während Betreuer Marco sich nun eine Zigarette anzündet, plaudern Thomas und ich über sein Buch, die Autobiografie "Die Kraft in mir". Die ersten 50 Seiten tippte er an der Schreibmaschine, wie gehabt: Buchstabe für Buchstabe mit dem Mundstab und dem kleinen Gewicht an der Feststelltaste. Der Autor beruhigt mich: "Dank technischen Fortschritts konnte ich bald auf einen Atari umsteigen und das Ganze auf einem 9-Nadeldrucker ausdrucken."

Während Thomas Kahlau beim Niederschreiben seiner Geschichte Erfahrungen und Erkenntnisse an andere Menschen weitergeben wollte, lebt er in seiner Malerei sich selbst aus. Emotionen jeder Art, gute und schlechte Gefühle. "Aus der Kunst schöpfe ich Kraft", sagt der Maler. "Sie hilft mir, aus dem Leben das Beste zu machen."

 

Als ich von der idyllischen Halbinsel Caputh mit der Fähre über die Havel gleite, beglückt mich das Gefühl, dass man aus seinem Leben das Beste machen kann. (Rowena Grell)

 

Weitere Informationen

VDMFK - Vereinigung der Mund- und Fußmalenden Künstler in aller Welt, e. V. 

Homepage Thomas Kahlau

Kunst von Thomas Kahlau - Informationen und Termine

 

Der Künstler Thomas Kahlau

Thomas Kahlau malt seine Bilder in Öl-, Aquarell-, Acrylfarben und Mischtechniken. Zu seinen bevorzugten Motiven gehört die märkische Landschaft.

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