Erfahrungsbericht von Lisa Steffen

Der Tag, an dem sich alles veränderte

Weiberfastnacht: Janine, Uschi, Mama & ich

Am 04. März 1994 wurde ich als damals 6-jähriges Mädchen von einem Autofahrer, der viel zu schnell fuhr, in unserem Ort als Fußgängerin angefahren. Ich bin seit diesem Tag völlig gelähmt und werde künstlich beatmet. Meine Verletzung ist in Höhe des zweiten Halswirbels.

Ich wurde am Unfallort sofort von einer Krankenschwester, der ich überhaupt mein Überleben verdanke, reanimiert bis Rettung kam. Mit dem Hubschrauber wurde ich zur Erstversorgung in ein Koblenzer Krankenhaus gebracht. Dort blieb ich ganze fünf Wochen. Die erste Diagnose lautete: schwere Gehirnerschüttung, Beckenbruch und das linke Schien- und Wadenbein waren gebrochen. Meinen Eltern wurde gesagt, dass ihre Tochter noch mal Glück im Unglück gehabt hätte. Nach mehrmaliger Computertomografie konnte keine Kopf- und Wirbelsäulenverletzung festgestellt werden. Kein Arzt konnte meinen Eltern sagen, warum ich mich nicht bewegen und ich auch nicht selbstständig atmen konnte.

Am 19. Tag nach meinem Unfall wurde bei mir dann eine Kernspintomografie durchgeführt. Das Ergebnis war eine Prellung im Rückenmark in Höhe des zweiten Halswirbels. Sofort nahmen meine behandelnden Ärzte Kontakt zu einer Spezialklinik auf. Innerhalb von ein paar Tagen wurde ich dann nach Reinhardshausen (Bad Wildungen) in die Werner-Wicker-Klinik verlegt. Meine Eltern, die vom Unfalltag an stets bei mir waren, begleiteten mich auch dort hin, in der Hoffnung, dass ich wieder laufend das Krankenhaus verlassen kann.

Es war ein großes Elend auf der Intensiv-Station dort. Es gab tatsächlich noch mehrere solche Schicksale. Die Ärzte klärten meine Eltern endlich auf, wie unser Leben sich jetzt völlig verändern und was jetzt alles auf uns zu kommen sollte. Ich werde mich nie wieder bewegen können und immer auf eine Beatmungsmaschine angewiesen sein.

In der Spezialklinik lernte ich dann zusammen mit meinen Eltern mit dieser neuen Situation in meinem Leben umzugehen und diese habe ich auch sehr schnell akzeptiert. Ich lernte, wie ich mit einem E-Rolli mit Kinnsteuerung und Computer umzugehen habe. Ich hatte ja eigentlich alle Zeit der Welt, lernte es aber zum Staunen aller, in ganz kurzer Zeit. Mama und Papa wurde in acht Monaten die Intensivpflege bei einem Beatmeten beigebracht. Ich bekam in diesen Monaten immer wieder viel Besuch von zu Hause. Zu Hause, immer wieder stellte ich mir vor, wie es dort wohl noch aussah und vor allem, wie würde es sein, wenn ich einmal wieder dort sein würde?

Für Verwandte und Bekannte war es ein schrecklicher Anblick, mich so liegen zu sehen. Auch für meine Freundinnen, die mit ihren Eltern zu Besuch kamen, war es schwer daran zu denken, dass ich nie wieder mit ihnen herumtoben kann. In den ganzen Monaten musste mein kleiner Bruder Tim bei Oma und Opa wohnen, nur ab und zu kam er uns besuchen. Auch für ihn war es eine sehr schwere Zeit.

Am 30. September '94 kam ich dann endlich nach Hause. Dort wurden wir mit riesigen Plakaten und jede Menge Willkommensgrüßen von Verwandten, Bekannten und Freunden ganz herzlich empfangen. Eine Woche später bereits entschlossen meine Eltern und ich, nach dem ganzen Krankenhaustress, uns in Südtirol (Italien) zu erholen.

 

Kampf mit der Versicherung

Dadurch, dass ich auf offener Straße von einem jungen Autofahrer erfasst wurde, ist dieser mit 100-prozentiger Schuld verurteilt worden. Seine Haftpflichtversicherung hätte für alles aufkommen müssen. Ein harter Kampf für meine Eltern begann. Es war eine zusätzliche schwere Belastung für sie. Die Versicherung blockte zuerst alles ab. Der Fall Lisa Steffen war für diese irgendeine Schadensnummer, aber in keinster Weise noch ein menschliches Wesen. Wir verklagten die Versicherung als wir merkten, dass keinerlei Einsicht war. Alle Gutachten wurden bei Gericht von der Versicherung nicht anerkannt und zunichte gemacht, es wurden dadurch immer wieder neue Gutachten erstellt.

Als dann Mitte 1997 immer noch keine Entscheidung da war, entschlossen wir uns dazu, mit dem ganzen in die Öffentlichkeit zu gehen. Wir schalteten Presse und Fernsehen ein, um alle auf unseren Fall aufmerksam zu machen. Nachdem mein Bericht dann im Fernsehen zu sehen war, ging auf einmal alles ganz schnell. Mit großen Schritten kam die Versicherung auf uns zu. Das erste Mal seit vier Jahren Rechtsstreites über Anwälte und Gericht lernten sie mich endlich mal persönlich kennen und sahen mich auch mal. Innerhalb von zwei Monaten war unsere Forderung bei Gericht verglichen worden. Für meine Eltern war es eine große Erleichterung, dass endlich nach vier Jahren zumindest die finanzielle Seite geklärt war.

 

Schulzeit - ich mittendrin

2004: Ich bei meiner Grundschullehrerin zu Hause

Ich war der erste Beatmungspatient, der es geschafft hat, in eine ganz normale Schule gehen zu können. Die Grundschulzeit verbrachte ich in der Grundschule in unserem Ort. Nach der Grundschule, habe ich eine Empfehlung fürs Gymnasium bekommen, habe mich dann aber für die Integrierte Gesamtschule Kastellaun, die größte Schule in Rheinland-Pfalz, entschieden, da meine ganzen Freunde auf diese Schule gegangen sind. Natürlich hatten wir erst große Bedenken, dass ich mit dem ganzen Druck, den vielen Blicken der Anderen und inmitten der vielen "normalen" Kinder nicht zurecht kommen würde. Doch ich kam mit allem sehr gut zurecht und ich war in meiner Klasse sofort eine ganz normale Schülerin, wie alle anderen auch.

Es wurde keine Klassenfahrt mehr ohne mich geplant, wir sind nur dorthin gefahren, wo ich auch mit meinem E-Rolli hin konnte. Meine Klassenkameraden und auch die anderen Schüler haben sich immer toll um mich gekümmert, indem sie mir die Türen aufhielten oder einfach nur die Stühle zur Seite schoben. Kinder kommen mit solchen Situationen eben besser klar und akzeptieren diese auch einfacher als Erwachsene. An dieser Schule habe ich dann im Juni 2004 meinen Realschulabschluss gemacht. Bei der Abschlussfeier habe ich sogar von meiner damaligen Klassenlehrerin den Förderpreis 2004 für besondere Leistungen in Rheinland-Pfalz überreicht bekommen. Auch bei den Abschlussaufführungen habe ich natürlich mitgewirkt.

Von September 2005 bis September 2008 habe ich eine Ausbildung als Bürokauffrau über das virtuelle Berufsbildungswerk Neckargemünd mit dem Schwerpunkt Telearbeit, von zu Hause aus übers Internet gemacht und diese auch mit einem guten Durchschnitt erfolgreich abgeschlossen.

Eine ganz normale Familie

Urlaub Grado 2005: Mama, Papa, Tim und ich am Hafen

Von meinen Eltern und vier examinierten Krankenschwestern werde ich rund um die Uhr gepflegt. Wir können uns nicht vorstellen, dass es besser laufen könnte, als es bei uns im Moment ist.

Trotz unseres schweren Schicksals, sind wir eigentlich eine ganz normale Familie mit allen Höhen und Tiefen, auch ein Streit gehört ab und zu mal dazu. Ich werde wegen meiner Behinderung auch in keinster Weise von meinen Eltern bevorzugt, ich werde genauso behandelt wie mein Bruder auch, was ja auch so sein sollte. Wir unternehmen auch recht viel, wir versuchen soweit es möglich ist, alles zu machen was wir machen wollen. Wir machen auch jedes Jahr Urlaub im Ausland, wo ich mich immer sehr gut erhole.

Mein Leben verläuft eigentlich ganz normal, weil ich meine ganze Familie und meine vielen Freunde um mich habe, die sich auch alle sehr gut um mich kümmern. Was mich noch alles in meinem weiteren Leben erwartet, lasse ich alles auf mich zukommen, denn ich weiß solange meine Eltern bei mir sind, brauche ich keine Befürchtungen zu haben. Sie werden mich nie im Stich lassen, sondern hinter mir stehen und immer wieder aufs Neue für mich kämpfen.

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Lisa Steffen ist auf ein Beatmungsgerät angewiesen. Sie verwendet eines der Firma BÖRGEL. In der RehaScout-ProdukteWelt finden Sie Herstellerinformationen zu unterschiedlichen Geräte-Prinzipien.

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